Neverwinter Nights 2 (PC)

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C. Shadow
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Neverwinter Nights 2 (PC)

Beitrag von C. Shadow » Sa 15. Jun 2013, 20:46

Ein Review von C. Shadow
Getestet am PC


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Neverwinter Nights 2
Genre: Rollenspiel
USK: 12
Entwickler: Obsidian Entertainment
Publisher: Atari
Sprache: Deutsch
Release: November 2006
Preis: ca. 20€ (Complete Edition bei Amazon mit NWN1 oder Platinum Edition auf Steam / gog)
Schwierigkeitsgrad: Frei wählbar

Mindestvoraussetzungen:
Windows XP
Intel Pentium IV 2,0 GHz oder gleichwertig
GeForce 6600, AMD/ATI Radeon 9700 PRO oder besser
512 MB RAM
DVD-ROM-Laufwerk
5,5 GB freier Festplattenplatz
Internet-Zugang



"Luskan war doch erst hier."
Nachdem sich der Rollenspiel-Gigant Bioware mit Baldur's Gate 2: Schatten von Amn in die RPG-"Hall of Fame" verewigt hat, waren die Erwartungen von Rollenspielern weltweit hoch, an den Erfolg anzuknüpfen. 2002 erschien Neverwinter Nights. Im Gegensatz zu Baldur's Gate war Neverwinter Nights komplett in 3D, überzeugte mit einem überarbeiteten Dungeons & Dragons-Regelwerk (3rd Edition) und einer eigenen Atmosphäre.
Neverwinter Nights wurde größtenteils positiv aufgenommen, war jedoch laut den meisten Rollenspielern nur im Schatten von Baldur's Gate II. Dies liegt hauptsächlich daran, dass Neverwinter Nights nicht die überzeugende Story hat und kaum die Detailverliebtheit, mit der Baldur's Gate II so imponieren konnte. Es blieb jedoch ein Spiel mit einer sehr guten Engine, guten Add-Ons und einem mächtigen Editor. Noch Jahre lang wurde die Aurora Engine von Fans genutzt, um eigene Abenteuer für Solo- oder Coop-Spieler zu schaffen.
Hat man sich erst einmal in Neverwinter Nights eingefunden, konnte das Spiel schnell fesseln - jedoch anders als Baldur's Gate II. Fans warteten 4 Jahre, bis der Nachfolger erschien: Neverwinter Nights 2. Im Gegensatz zum Vorgänger wurde der zweite Teil von Obsidian entwickelt. Es ist kein Einzelfall, dass Obsidian Nachfolger von Bioware-Reihen übernimmt (vgl. Star Wars: KotOR 2 oder Fallout: New Vegas).
Neverwinter Nights 2 nutzt eine überarbeitete Aurora Engine, die dem Vorgänger in vielen Dingen sehr ähnelt. Dazu später aber mehr. Wieder einmal hat man die Möglichkeit, sich mit dem Editor eigene Abenteuer zu erstellen. Doch natürlich bringt Neverwinter Nights 2 auch seine eigene Geschichte mit und darum geht es im Review.

Neverwinter Nights 2 beginnt im idyllischen Dorf Westhafen, einem abgelegenen Ort im Sumpf an der Schwertküste, nahe der großen Stadt Niewinter. Das Spiel beginnt mit dem Erntefest, einem interaktiven Tutorial, in dem man die Grundlagen des Spiels schnell erlernt und gleichzeitig wird die Story schon aufgebaut. Die Ruhe in Westhafen wird schnell unterbrochen und es stellt sich heraus, dass der eigens erstellte Hauptcharakter einen gefährlichen Silbersplitter bei sich trägt, den er schleunigst nach Niewinter bringen muss. Dort gibt es entsprechende Magier, die das Geheimnis des Splitters aufdecken können.
Der zweite Teil spielt nach dem Vorgänger, denn oft werden Anspielungen auf den luskanischen Krieg oder die Seuche gemacht, die in Neverwinter Nights eine große Rolle gespielt haben.
Weiter trifft man im Verlauf der Geschichte auf etliche Charaktere, die man aufnehmen kann. Richtig gelesen, so einsam wie im ersten Teil ist man hier nie: Der Held ist oft aus einer Gruppe mit 4 bis 6 Leuten unterwegs. Die Nebencharaktere haben alle ihre eigenen Persönlichkeiten und Ziele - Intrigen und Beziehungen zwischen ihnen sind garantiert. Jedoch darf man sich hier keine Charaktertiefe vorstellen, wie sie z. B. in Baldur's Gate II gegeben war. Zwar führt man immer wieder Dialoge mit den Mitstreitern, ihre Persönlichkeiten bleiben jedoch oft oberflächlich dargestellt.
Die Geschichte von Neverwinter Nights 2 ist in drei Akte gegliedert, jeder zirka 15 Stunden lang. Während man anfangs noch ein Hafenbewohner ist, darf man sich später Dieben oder Wachleuten in Niewinter anschließen. Kämpfe gegen dämonische Horden, Echsenmenschen, Orks oder gar Drachen sind für Dungenos & Dragons-Rollenspiele eine Selbstverständlichkeit.

Alles in Einem ist die Geschichte fesselnd genug um weiterzuspielen. Speziell weil nicht nur die Hauptstory motiviert, sondern auch kleinere Nebengeschichten, die z. B. in Sidequests stattfinden. Es dauert jedoch eine Weile, bis die Story richtig Fahrt aufnimmt. Speziell der zweite Akt ist meiner Meinung nach spannend gestrickt. Der dritte Akt wird zwar linearer wie die vorherigen, rundet die Story aber recht gelungen ab.
Fesselnd genug bedeutet aber nicht, dass die Story nun ein Meilenstein ist. Wer Story-Granaten sucht, sollte eher zu Planescape Torment oder Baldur's Gate II greifen. Humor hat Neverwinter Nights 2 zwar definitiv auch, aber dafür auch viele Klischee-Elemente in der Story, die einem alle irgendwie bekannt vorkommen. Am besten sieht man Neverwinter Nights 2 ganz simpel als Dungeons & Dragons-Abenteuer und nicht mehr.

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Screenshot #1: Die Gruppe trifft auf einen entflohenen Ehemann, der an einem See lebt
Screenshot #2: Hochfels ist eine der Städte, die man im ersten Akt besucht


"So ein Feuerball, Junge!"
Neue Engine bedeutet auch bessere Grafik. Wie bereits der Vorgänger ist auch Neverwinter Nights 2 ein 3rd Person-RPG in 3D.
Wer sich noch an die kantigen Charaktere aus dem ersten Teil erinnert, kann beruhigt werden: Die Modelle sehen deutlich realistischer und schöner aus. Jedoch muss man deutlich sagen, dass die Charaktermodelle nicht wirklich viel besser als z. B. in Star Wars: KotOR aussehen, das im Übrigen die selbe Engine nutzt. KotOR erschien jedoch 3 Jahre früher und wenn man das mit anderen Spielen aus 2006 vergleicht, hinkt Neverwinter Nights 2 deutlich hinterher.

Dafür muss man den Großteil der anderen Grafikaspekte loben, denn diese sind für ein Rollenspiel sehr stimmig. Der größte Augenschmaus sind meiner Meinung nach die Magieeffekte in Kämpfen. Kleriker heilen gerne mal die ganze Gruppe in einem gewissen Radius, dargestellt als großer Lichtradius. Magier oder Hexenmeister hingegen bombadieren Feinde mit kräftigen Feuerbällen, Säurepfeilen oder magischen Geschossen. Viele Zauber sind D&D-Veteranen wohl schon aus Baldur's Gate II oder dem ersten Neverwinter Nights bekannt. Aber so schön sahen sie sicher noch nicht aus.
Auch die Umgebungen können sich sehen lassen. Dafür, dass die "nur" mit dem Editor zusammengebastelt sind, sind diese sehr stimmig. Das liegt aber auch an den schönen Texturen und den Licht- und Schatteneffekten. In Höhlen leuchten Fackeln hell auf, während man z. B. tagsüber in Außengebieten das Sonnenlicht über sich hat. Die Effekte wirken glaubwürdig, speziell weil es in Außengebieten auch einen Tag- und Nachtwechsel gibt.
Selbst wenn die Charaktermodelle etwas detailarm sind - Gegnermodelle sehen gut aus und passen ins Geschehen. Von Skeletten bishin zu gigantischen Drachen sind die Gegnermodelle gut im Design gelungen und auch die Animationen sind flüssig. Das gilt selbstverständlich auch für die eigene Gruppe.

Ein weiterer Minuspunkt, der aber unnötig ist: Die Performance. Dafür, dass Neverwinter Nights 2 "nur" gut aussieht, hatte ich im Spielverlauf manchmal Lags und auf meinem PC läuft Battlefield 3 lagfrei. Das sollte selbstverständlich nicht sein.

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Screenshot #3: Ein Feuerball trifft eine Gruppe Ork-Krieger
Screenshot #4: Beim Kampf gegen Feuerriesen wird auf magische Geschosse zurückgegriffen


"Recycling - warum eigentlich nicht?"
Seit jeher sind die Dungeons & Dragons-RPGs für eine brachiale Klangwelt mit vielen synchronisierten Dialogen bekannt. Bei Unmengen von Text, die in den Rollenspielen zusammenkommen ist eine vollständige Synchronisierung jedoch selten der Fall. In Neverwinter Nights 2 im Übrigen auch nicht, was aber nicht schadet. Die meisten wichtigen Story-Dialoge kann man sich nicht nur durchlesen, sondern auch anhören. Kleinere Dialoge bei Sidequests stehen oft nur als Textbox im linken oberen Bereich des Bildschirms. Das sollten D&D-Rollenspieler aber gewohnt sein und nicht abschrecken.
Was jedoch so eine Sache ist, ist die Synchronisation an sich. Während viele Charaktere doch recht glaubwürdig herüberkommen (Sand, Shandra oder Bishop beispielsweise), haben einige andere eine katastrophale Stimme. Der Meister der Wache in Niewinter wirkt beispielsweise sehr unprofessionell, als hätte er seine Zeilen einfach lieblos und schnell abgelesen. Das selbe gilt auch für Gruppenmitglieder wie z. B. den Paladin Casavir. Im Allgemeine würde ich die Synchronisation aber nicht als unterirdisch bezeichnen, sondern eher durchschnittlich.

Wie bereits im Vorgänger überzeugt Neverwinter Nights 2 auch durch einen starken Soundtrack. Das mit dem Vorgänger ist übrigens wörtlich gemeint, denn es werden sogar Stücke aus dem Vorgänger übernommen. Die einen mögen es Recycling nennen, ich bezeichne es aber als keine schlechte Idee. Das erste Neverwinter Nights hatte bereits einen sehr guten Soundtrack und war eine gelungene musikalische Begleitung zum Abenteuer.
Die Dragon Battle Theme oder die Lizard Battle Theme erschienen beide schon im Vorgänger, finden im Nachfolger aber wieder ihre Anwendung. Die verschiedenen Battle Themes unterscheiden sich je nach Gebiet und bauen viel Spannung auf. D&D-Rollenspielern wird der Komponist Jeremy Soule ohnehin bekannt sein, denn er hat auch die Soundtracks für Icewind Dale oder Star Wars: KotOR geschaffen.
Weiter möchte ich die Main Theme hervorheben, die an besonderen Stellen des Spiels erscheint. Diese ist nicht aus dem Voränger und somit nicht von Jeremy Soule komponiert, passt aber sehr gut zum Fantasy-Ambiente des Spiels. Ähnlich ruhig, aber weniger episch ist z. B. die Village Theme, die man in Dörfern hört. Insgesamt ist der Soundtrack also als stimmig zu sehen, allerdings wie bereits erwähnt mit vielen Stücken aus dem Vorgänger, was in meinen Augen nicht schadet.

Großer Pluspunkt außerdem ist die Soundkulisse in Kämpfen. Von zischenden Feuerbällen bis zu Schwerthieben hat man alles, was das RPG-Herz begehrt. Klassisch für D&D-Rollenspiele sind auch Sprüche, die man in den Kämpfen hört. Bei der Charaktererstellung kann man z. B. die Stimme seines Helden wählen und diese entscheidet dann über das Gebrüll und die Anweisungen in Kämpfen. Zaubersprüche werden ganz klassisch ebenfalls ausgesprochen, bevor sie gewirkt werden.
Nervig sind jedoch die Sprüche von den Nebencharakteren, die sich teilweise in einer halben Minute bis zu 10 Mal wiederholen. Man kennt es zwar aus D&D-Rollenspielen, dass die selben Sprüche in Kämpfen öfter kommen, aber Neverwinter Nights 2 hält hier wohl den Rekord. Und das ist kein sonderlich positiver Rekord. Zum Glück beeinträchtigt das aber das gesamte Sounderlebnis nur etwas.

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Screenshot #5: Im Laufe der Geschichte werden die Gegner immer dämonischer
Screenshot #6: Schöne Aussicht auf das Schwarzseeviertel von Niewinter


"In Niewinter nichts Neues."
Während man in Baldur's Gate II liebevoll gestaltete Renderhintergründe besuchen durfte und alles in sich schlüssig schien, wurden Rollenspieler mit Neverwinter Nights in eine neue 3D-Welt geworfen. Doch auch Neverwinter Nights überzeugte mit einer dichten Atmosphäre - wenn auch nicht in dem Maße wie z. B. Baldur's Gate II.
Das Selbe gilt weiterhin für Neverwinter Nights 2, jedoch ist der zweite Teil in diesem Punkt dem ersten voraus. Außengebiete wirken glücklicherweise ähnlich glaubwürdig im Vorgänger, auch wenn ich die extrem dichten Wälder aus dem ersten Teil ehrlich gesagt in Neverwinter Nights 2 sehr vermisst habe. Dafür sind die hügeligen Landschaften, Sümpfe oder Felder gut gestaltet und man fühlt sich auch sofort der Welt hingezogen.

Wie auch im Vorgänger überzeugen meiner Meinung nach besonders die Dungeons. Ob finstere Höhlen oder Tempel - besonders durch die schönen Licht- und Schatteneffekte hat man in diesen Gewölben meistens ein mulmiges Gefühl und kann sich auf Schlachten gegen Spinnen, Kobolde und andere Ungeheuer vorbereiten.
Hervorzuheben ist auch, dass man sich als Spieler überraschenderweise an die Orte sehr gut erinnert. Das liegt auch daran, dass es im Laufe der Geschichte nicht so viele verschiedene Orte gibt, diese aber öfter besucht. Manche ändern sich im Verlauf der Story (z. B. Städte werden niedergebrannt) und dies trägt auch seinen Teil dazu bei. Wo ich schon Städte erwähne: Leider sind diese nicht so glaubwürdig, wie ich mir das erhofft habe. Das Stadtleben wirkt etwas künstlich. NPCs laufen oft die selben Routen, bleiben oft auf dem Fleck stehen und können der Gruppe nichts besonderes sagen. Da war Baldur's Gate II trotz des Alters meilenweit voraus.
Trotzdem fühlt man sich in der Spielwelt recht wohl, denn sowohl Dialoge (speziell mit Gruppenmitgliedern) als auch kleine Aufträge beleben das Geschehen doch genug, sodass nicht alles komplett künstlich wirkt.

Wie man es aus anderen D&D-RPGs kennt, muss man auch aufpassen, was man sagt - denn alles wirkt sich auf die Einstellung der Gruppenmitglieder aus (Stichwort Gesinnung). Der Ruf der Gruppe wirkt sich dann in anderen Situationen aus, z. B. in Zufallsbegegnungen wie man sie zwischen Reisen hat. Wie auch in Baldur's Gate II kann man beim Reisen zwischen zwei Orten überfallen werden.

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Screenshot #7: Die Eisenfaust-Zwerge begnen der Gruppe im Laufe der geschichte
Screenshot #8: Eine Gerichtsverhandlung vor Fürst Nasher, dem Anführer Niewinters


"Mögen die Würfel rollen!"
Neverwinter Nights 2 ist nicht "nur" ein Rollenspiel, sondern auch eine Umsetzung des D&D-Regelwerks, in diesem Falle der Version 3.5 des D&D-Regelwerks. Wie auch beim Vorgänger oder bei Baldur's Gate wird also das Regelwerk eines Pen & Paper-Rollenspiels als Vorlage genommen. Ich kann Neulinge jedoch beruhigen: Es ist wesentlich zugänglicher als es z. B. in Baldur's Gate der Fall ist.
Wie gewohnt erstellt man zu Beginn seinen Charakter. Während die Erstellung des Aussehens keine sonderliche Schwierigkeiten bereiten sollte, geht es jedoch schnell mit den Klassen und Talenten los. Hier ist etwas Einarbeitung erforderlich und als Neuling muss man sich definitiv ein wenig in die Klassenbeschreibungen einlesen. Wie es bei D&D-RPGs der Fall ist, basiert alles auf Würfeln. Reflexwürfe sind meist Würfe eines 20-seitigen Würfels und Talente können diese Reflexwürfe beispielsweise verbessern oder gewisse Einschränkungen können das Ergebnis des Wurfes verschlechtern.
Diese Notation finden Spieler auch bei Waffen, die z. B. "2W4" Schaden machen. Das heißt, dass das Ergebnis von zwei 4-seitigen Würfeln den Schaden der Waffe ergibt. Kenner von Dungeons & Dragons sollten jedoch keine Schwierigkeiten haben, sich in Neverwinter Nights 2 zurechtzufinden. Speziell nach der mühsamen Charaktererstellung kann man sich sehr viele "empfohlene" Einstellungen einstellen lassen ohne viel zu machen. Das System wählt in diesem Falle selbst Talente oder Zauber bei Levelaufstiegen aus, die für den Charakter geeignet sind. RPG-Freaks machen das selbstverständich alles selbst.

Charakterklassen, Talente und Zauber gibt es im Übrigen in Massen. Während man sich als Kämpfer mit großen Waffen durch Horden schnetzeln kann, kann man beispielsweise als Magier gigantische Flächenzauber wirken. Kleriker sind sehr gute Heiler und haben starke Zauber gegen Untote. Der Paladin ist ebenfalls geeignet gegen Untote, hat mächtige Auren für die Gruppe und kann im Fall der Fälle gut zuschlagen. Schurken können Fallen entschärfen, selbst Fallen legen, Schlösser öffnen oder Taschendiebstahl begehen. Es gibt noch bei weitem mehr Klassen, unter anderem auch Prestigeklassen, die gewisse Voraussetzungen an Charaktere haben um diese überhaupt leveln zu können.
Im Verlauf der Story kann man übrigens auch mehrere Klassen für den Helden leveln, das heißt, man kann die Eigenschaften eines Kriegers oder eines Magiers zum Beispiel in sich vereinen. Wie schon gesagt ist die Auswahl an Talenten und Zaubern gigantisch. Man sollte sich die Wirkungen der Zauber oder Talente unbedingt durchlesen, bevor man diese blind wirkt. Beim Level-Up stehen meistens neue Talente & Zauber zur Verfügung. Magier müssen so z. B. neue Zauber in ihr Magiebuch schreiben und können diese in einer begrenzten Anzahl pro Tag wirken. Hexenmeister hingegen haben kein Magiebuch, sondern können je nach Level alle ihre Zauber öfter pro Tag wirken.
Man sieht bereits hieran, dass es sehr wichtig ist, eine gute Balance zwischen der Gruppe zu finden. Natürlich hat eine Gruppe voller Krieger das Potential, eine gegnerische Masse binnen Sekunden zu vermöbeln, jedoch stehen ihnen natürlich keine Zauber zur Verfügung. Oder was ist, wenn die Krieger vor einer verschlossenen Truhe stehen? Sie müssten sie zerschlagen und eventuell den Inhalt der Truhe zerstören. Mit einer gut balancierten Truppe kann man also alle Hindernisse in der Welt von Neverwinter Nights 2 bewältigen.

Was ebenfalls zum Spielspaß beiträgt, ist das Crafting. Charaktere haben Handwerkskünste, die man leveln kann, z. B. Schmiedekunst oder Alchemie. Mit Rezepten aus Büchern kann man dann neue Waffen, Tränke oder magische Gegenstände herstellen. Damit kann man sich Geld verdienen oder die Gegenstände natürlich selbst nutzen.
Wie in anderen D&D-Rollenspielen ist der Kampf einer der größten Aspekte im Spiel. Ohnehin würde ich Neverwinter Nights 2 als sehr Kampf-ausgelegt bezeichnen. Ein Hack'n'Slay-RPG wird es dadurch noch längst nicht, jedoch sind die Rätsel meiner Meinung nach deutlich im Hintergrund. Während man sich in den meisten Fällen durch Gegnermassen schlagen kann, ist es in einigen Kämpfen extrem wichtig, mit Kopf vorzugehen.
Wenn man beispielsweise gegen einen Drachen kämpft, mitunter einer der stärksten Gegnertypen, ist es wichtig, seine Charaktere sofort zu verteilen und die Magier & Heiler sehr weit nach hinten zu stellen. So vermeidet man Flächenschaden und kann den Drachen außerdem verwirren: Er versucht eventuell, zwischen den verteilten Nahkämpfern hin- und herzuwechseln und die verlorene Zeit des Drachen kann man für Zauber nutzen.
Es ist für ein D&D-RPG wohl eine Selbstverständlichkeit, dass das Spielgeschehen jederzeit mit der Leertaste pausierbar ist. Wenn im Kampf also mal die Übersicht flöten geht, reicht ein Druck auf die Leertaste und ihr könnt eurer Gruppe die nötigen Befehle geben. Ebenfalls ganz klassisch: Man kann, sofern keine Gegner in der Nähe sind oder kein Kampf stattfindet, jederzeit rasten und seine Gruppe heilt sich hierbei.

Ein großes Manko jedoch im System ist die KI. Es ist oft besser, der Gruppe selbst Befehle zu geben, denn was die Nebencharaktere im Kampf alles ausführen, ist teilweise kompletter Mist. Wenn ein Gegner in die Nähe einer tödlichen Stachelfalle kommt, rennen Gruppenmitglieder schon blind auf den Feind los und ignorieren die Tatsache, dass dort eine Falle ist. So passiert es mal gern, dass ein Gruppenmitglied komplett sinnlos stirbt, weil man die Falle nicht rechtzeitig entschärfen konnte.
Außerdem macht die KI selten intelligente Aktionen, wie ich sie eben mit dem Drachen beispielhaft erwähnt habe. Anstatt sich zu verteilen, greift die Gruppe auf einem Haufen stupide an und die Magier bleiben einfach auf ihrer Position stehen und zaubern wort-wörtlich irgendetwas aus ihrem Zauberbuch. So habe ich es schon öfter gesehen, dass Magier oder Hexenmeister einen simplen Säurepfeil auf einen Gegner gezaubert haben, obwohl zirka 10 Orks vor ihnen standen. Da ist es doch um einiges sinnvoller, mal eine gesamte Feuerwand oder eine Säuresphäre zu zaubern.
Hier muss man selbst öfter nachhelfen und in großen unübersichtlichen Kämpfen die KI deaktivieren (was zum Glück relativ einfach geht) und eigens die Befehle geben.

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Screenshot #9: Später werden Kämpfe gerne mal unübersichtlich
Screenshot #10: Das Spiel startet in der Heimatstadt des Helden: Westhafen


"Gut angelegt"
Bisher habe ich nur die Vielzahl an Klassen, Talente oder Zaubersprüche angesprochen. Das ist aber noch lange nicht alles. Neverwinter Nights 2 bietet noch viel mehr. So ist es nahezu selbstverständlich, dass es viele Gebiete gibt (wie schon gesagt, einige davon wiederholen sich oft etwas abgeändert) und in diesen Sidequests zu finden sind. Erst in Akt drei werden die Sidequests etwas rar, zuvor gibt es aber genug. Natürlich ist es auch so, dass man für Kämpfe oder Sidequests Belohnungen kassieren darf. Während man für ein Quest vielleicht ein paar Goldstücke bekommt, kann man vom nächsten eine von etlichen einzigartigen Waffen erhalten.
Die Anzahl an Items ist wirklich recht verblüffend, dafür dass Neverwinter Nights 2 kein Hack'n'Slay-RPG wie z. B. Diablo 2 ist. Verbesserte Waffen oder Rüstungen können eventuell nur einen kleinen Bonus haben oder sogar komplette magische Eigenschaften.
Netter Bonus in der Kampagne, den ich nebenbei anmerken möchte: Im Verlaufe der Geschichte bekommt man seine eigene Festung, die sich mit der Zeit aufrüsten lässt. Später kann man sich stark mit der Festung, deren Bewohner und der Architektur idenifizieren, was definitiv zur Spieltiefe beiträgt.
Ein prägendes Element aus dem Vorgänger kehrt wieder zurück, wie schon mehrfach erwähnt: Der Editor. Dieser ist intuitiv zu bedienen und bietet eine verblüffende Vielzahl an Möglichkeiten, sich eigene RPG-Abenteuer zu gestalten. Zudem kann man diese für Solo-Spieler oder für Co-Op-Spieler (z. B. im LAN) erschaffen. Mittlerweile gibt es schon ganze Websites voller Neverwinter Nights 2-Module in allen möglichen Sprachen, was natürlich immens zum Langzeitspaß beiträgt. Ohne zu scherzen: Man kann mit Neverwinter Nights 2 sicherlich über 1000 Stunden verbringen, wenn man alle Add-Ons und viele der Module genießt.
Wenn es um diese Punkte geht, ist Neverwinter Nights sein Geld mehr als wert.

Zuletzt möchte ich noch ansprechen, wie sich Neverwinter Nights bedienen lässt. Die Einsteigerfreundlichkeit ist auf jeden Fall gegeben, speziell durch den Prolog in Westhafen, der als Tutorial dient. Was den Spielern in diesem Tutorial wohl schon auffällt, ist ein sehr gutes Feature: Man kann zwischen drei Kameramodi wechseln. Der Erforschungsmodus ist eine Art 3rd-Person-Perspektive, die wie in Neverwinter Nights 1 gesteuert wird. Man hat also einen zentrierten Charakter in der Mitte des Bildschirms und die anderen agieren mit der KI, die Kamera lässt sich mit der Maus drehen.
Der Strategiemodus erinnert wiederum an Baldur's Gate II oder gar ein Strategiespiel. Die Ansicht ist von oben fixiert und man kann seine Charaktere mit der Maus boxen und mehrere Befehle geben - wie in einem Strategiespiel. Der Charaktermodus wiederum ist wieder auf einen Charakter zentriert, jedoch steuert man diesen mit der Ansicht von hinten und steuert hier mit den WASD-Tasten - vergleichbar mit The Witcher. Hier kann man seine eigenen Vorlieben ins Spiel bringen, wobei der Strategiemodus in manchen Kämpfen einen erheblichen Vorteil hat.
Ebenfalls bequeme Features sind das Questbuch, das zwar simpel aber übersichtlich gehalten ist und das Inventar. Das Inventar ist zwar begrenzt groß, die gewohnte Gewichtsbegrenzung (die Stärke eines Charakters entscheidet darüber) ist natürlich auch vorhanden, kann komplett automatisch sortiert werden. Neu erhaltene Gegenstände werden umrandet, auch diese kann man direkt erkennen. Schade, dass es keine Sortierverfahren gibt, aber das ist immer noch besser als gar kein sortierbares Inventar.
Die bereits angesprochene KI kann im Übrigen glücklicherweise nicht nur jederzeit de- und aktiviert werden, sondern auch verändert werden. Das Verhalten der KI kann man je nach Bedarf anpassen. Sollen sie dem Helden eher in weiter Ferne folgen oder nah an ihm? Sollen Schlösser automatisch geöffnet werden, wenn man welche findet oder nicht? Hier hat man doch recht viele Optionen, auch wenn die KI ihre Macken hat.
Nicht nur die KI hat ihre Macken, auch das Spiel selbst leidet selten unter Bugs oder gar Abstürzen. Mit einer Spielzeit von ca. 45 Stunden hatte ich insgesamt 3 Abstürze, was meiner Meinung nach völlig im Rahmen ist. Aber keine wären wohl besser. Bugs wiederum traten öfter auf. Mein Held hat sich öfter im Charaktermodus irgendwo verhangen, das ließ sich erst durch Umschalten in den Erforschungsmodus beheben und selbst dann ist der Charakter irgendwo anders wieder aufgetaucht. Sogar im Endkampf hatte ich einen Bug, dass ich eine wichtige Waffe nicht ausrüsten konnte - den Kampf konnte ich trotzdem gewinnen, obwohl es keinen Sinn gemacht hat. Solche Bugs schaden dem Spielfluss natürlich stark.
Alles in Einem halten die Bugs sich aber stark in Grenzen und beeinträchtigen das Spiel eher in Ausnahmefällen.

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Screenshot #11: Kämpfe gegen Drachen gehören zu den schwersten des Spiels und erfordern höchste Vorsicht
Screenshot #12: Vor Ammon Jerros dämonischer Zuflucht darf man noch einen schönen Ausblick genießen



Story:
+ viele Charaktere mit unterschiedlichen und ausgefallenen Persönlichkeiten
+ teilweise großartiger Humor
+ nimmt mit der Zeit Fahrt auf und baut Spannung auf
+ logische Gliederung in drei Akte
+ viele kleine Hintergrundgeschichten, z. B. in Büchern oder Sidequests
+ Intrigen und Bündnisse in der eigenen Gruppe
- Story ist anfangs noch etwas lahm
- Klischee-Elemente in der Story
- bei weitem nicht so eine Charaktertiefe wie z. B. in Baldur's Gate 2
- 3. Akt etwas linear

Grafik:
+ detaillierte Texturen
+ beeindruckende Magie-Effekte
+ flüssige Animationen
+ schön gestaltete Umgebungen
+ glaubwürdiger Tag- und Nachtwechsel
+ viele individuelle Gegnergrafiken
+ sehenswerte Licht-, Schatten- und Wassereffekte
- Charakterdetails sind etwas arm
- sogar auf neuen PCs teilweise Lags (schlechte Performance)

Sound:
+ epische Menümusik
+ beachtliche Soundkulisse in Kämpfen und Städten
+ Musikuntermalung in Gebieten sehr passend
+ eine Vielzahl an verschiedenen Battle Themes
+ viele synchronisierte Dialoge
+ teilweise bekannte Stücke auf Neverwinter Nights 1
- stellenweise schlechte Synchronstimmen
- Sprüche in Kämpfen wiederholen sich extrem oft

Atmosphäre:
+ glaubwürdige Stimmung in Außengebieten und Dungeons
+ man erinnert sich an viele Orte
+ Vielzahl an kleinen Aufträgen belebt das Geschehen
+ viele Dialoge mit Gruppenmitgliedern
+ Aktionen beeinflussen Beziehungen zu Gruppenmitgliedern
+ zufällige Begegnungen auf Reisen zwischen Orten (z. B. Überfälle)
- Dörfer & Städte wirken etwas unbelebt

D&D-System:
+ unglaubliche Vielfalt an Charakterklassen
+ sehr viele Zauber und Fertigkeiten
+ zahlreiche Möglichkeiten zur Individualisierung
+ Handwerkskunst & Alchemie können lange beschäftigen
+ "Empfohlen" weist für Faule oder Neulinge gute Werte zu
+ Positionierung in manchen Kämpfen sehr wichtig
+ Kampfgeschehen jederzeit pausierbar
+ Gruppe kann nahezu jederzeit rasten
- KI der Gefährten macht oft Dummheiten
- wenige Rätsel

Umfang:
+ viele Gebiete, die man betreten kann
+ eine Vielzahl an optionalen Quests
+ Massen an diversen Items, Rüstungen und Waffen
+ Unmengen an kostenlosen Modulen von Fans
+ sehr mächtiger und einsteigerfreundlicher Modul-Editor
+ Kampagne und Module im Co-Op im LAN & online spielbar
+ eigene Festung, die komplett aufrüstbar ist

Bedienung & Interface:
+ sehr gute und unterhaltsame Einführung in die Grundlagen des Spiels
+ Umschalten zwischen drei Ansichten: Erforschungs-, Strategie- und Charaktermodus
+ sortierbares Inventar
+ übersichtliches Questbuch mit Notiz-Möglichkeiten
+ automatische Aktionen machen das Spiel einsteigerfreundlich
+ KI-Verhalten ist jederzeit änderbar
- (zum Glück seltene) Abstürze
- einige Bugs

Wertung:

Story & Kampagne: 7/10
Grafik: 7/10
Sound: 8/10
Atmosphäre: 8/10
D20-System: 8/10
Umfang: 10/10
Bedienung & Interface: 8/10
Preis/Leistung: 10/10

82%

Letzte Worte: Mit einer guten Story, durchschnittlichen Charakteren, aber dafür einem gelungenen Spielfluss kann Neverwinter Nights 2 durchaus überzeugen. Stärke des Spiels sind der gigantische Umfang an Gebieten, Items, Magie, Modulen etc. und die starke Umsetzung der D&D-Regeln. Abzüge gibt es im Wesentlichen für kleinere Bugs, Lags bei hohen Grafikeinstellungen und die dumme KI.
Sur les tombes de nos ancêtres
S'accumulent morne neige et sinistre tristesse
C'est le poids du temps qui défile
Sur notre liberté, là enterrée

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