Osamu Tezuka

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Hirschi
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Osamu Tezuka

Beitrag von Hirschi » Mi 13. Jan 2016, 09:13

Osamu Tezuka (1928-1989) war einer der berühmtesten, wenn nicht sogar DER berühmteste Mangaka überhaupt. Ihm haben wir es zu verdanken, dass Manga/Anime so sind, wie sie heute sind. Sein Einfluss war so prägend, dass er als Manga no Kami-sama (= Gott des Manga) bezeichnet wird.

Tezuka studierte Medizin und war sich erst noch unsicher, ob er Arzt oder Mangaka werden sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien sein erster "richtiger" Manga, Shin Takarijima (= Die neue Schatzinsel), der für ihn den Durchbruch bedeutete. Es folgten Adaptionen bekannter literarischer Werke wie Faust, Bambi und Schuld und Sühne. 1950/52 erschienen erstmals zwei seiner bekanntesten Werke (auch hier in Deutschland): Kimba, der weiße Löwe und Astro Boy. Er war es auch, der mit Ribon no Kishi (= Der Ritter mit der Schleife) 1953 den ersten Shōjo-(Mädchen-)Manga schuf.
Auch die Anime-Verfilmungen seiner Werke bildeten den Grundstein für vieles, was heute selbstverständlich ist: Der Anime zu Astro Boy (1963) gilt als das erste Mal, "dass ein Anime in Form einer Fernsehserie entstand", während der Anime zu Kimba (1964) der erste in Farbe war.

Als Mitte der 1960er Jahre der Gekiga-Stil deutlich (realistischere Darstellungen mit ernsteren Themen, oft mit Gesellschaftskritik, Gewalt und Erotik verbunden) populärer wurde, stellte auch Tezuka sein Werk um: Fröhliche Geschichten mit cartoonhaften Figuren wichen düsteren Themen mit realistischer gezeichneten Charakteren. In den 70ern gelang Tezuka eine neue, große Schaffensphase und seine Werke hoben sich deutlich von seinen früheren ab, aber auch von denen anderer Mangaka. In Kirihito und Black Jack ließ er viele seiner Erfahrungen als Medizinstudent einfließen und oft ist eine Kritik am Krankenhausalltag zu erkennen. In Buddha erzählt er die Lebensgeschichte Siddharta Gautamas, der im 6. Jahrhundert v.Chr. den Buddhismus begründete. In den 80ern entstand u.a. Adolf.

Tezuka war ein echter Workaholic: Von ihm entstanden insgesamt 700 Ausgaben mit mehr als 150.000 Seiten (!). Der Stress war es, der ihn krank machte: 1989 erkrankte Tezuka an Magenkrebs und starb. Seine letzten Worte waren angeblich "Ich flehe euch an, lasst mich arbeiten!"
Wer eine vollständige Liste seiner Manga sehen möchte, kann das hier tun: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_O ... zuka_manga

Tezuka war ein riesengroßer Disney-Fan und schaute sich einiges von dessen Stil ab, umgekehrt wurde Disneys König der Löwen von Tezukas Kimba inspiriert. Die Manga-typischen großen Augen wurden ebenfalls von ihm kreiert, der sie sich von amerikanischen Cartoons abschaute.
Sein Stil war vielseitig; waren die Figuren seiner früheren, fröhlichen Werke noch rundlich (und an Disney orientiert), wurden sie nach Aufkommen des Gekiga-Stils realistischer. Seine späteren Werke zeichnen sich durch mehrere, ineinander verwobene Erzählstränge aus und nicht selten lassen sich philosophische Themen finden.
Warum Tezuka als Gott des Manga verehrt wird, liegt auch in dessen Stil begründet: Unter Einfluss von amerikanischen Kinofilmen zeichnete er seine Manga mit filmischen Erzähltechniken - die dynamische Bildsprache (verschiedene Perspektiven, Speedlines, Soundeffekte...), die heute so typisch für den japanischen Manga ist, wurde von Tezuka etabliert. Seine Neue Schatzinsel stellt die Geburt des Story-Manga dar, war es der erste "richtige" episch erzählte Manga.
Anders als andere Mangaka war Tezuka auch jemand, dessen Werke eine enorme Breite an Themen aufweisen. Abenteuergeschichten, historische Romane, Mädchengeschichten, Politthriller, Science-Fiction, Dystopien... die Liste ist lang. Tezuka hat auch in thematischer Hinsicht viel dazu beigetragen, dass Manga das sind, was sie heute sind.


So viel dazu... über Tezuka kann man ganze Bücher füllen (haben auch einige getan), aber hier soll erstmal Schluss sein :) Gibts hier Tezuka-Fans?

Als Kind, völlig Manga-unwissend, habe ich Kimba GELIEBT. Kleiner weißer Löwe, wir sind stolz auf dich... :mrgreen:
Danach immer mal wieder von ihm gehört, aber nicht sonderlich damit beschäftigt... bis wir zufällig auf Adolf gestoßen sind - meiner Meinung nach ein echtes Meisterwerk. Letztens habe ich Kirihito gelesen und ohne zu viel davon verraten zu wollen, wer mal wieder Lust auf einen unheimlich spannenden und düsteren Manga voller ambivalenter Figuren hat, dem sei dies sehr ans Herz gelegt. Interessant ist auch der experimentelle Stil. Momentan lese ich Buddha.
Pluto, der auf Astro Boy fußt und u.a. von Tezukas Sohn mitgestaltet wurde, war ebenfalls unterhaltsam und spannend.

Ich würde gerne noch viel mehr von ihm lesen, genügend Auswahl gäbe es ja... doch leider gibt es kaum deutsche Ausgaben seiner Werke. Ich hoffe sehr, dass sich das noch ändert.
I chose the language of gratitude

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